Vor zehn Jahren war die Lagerrobotik oft hochstandardisierten Umgebungen und großen Investitionsbudgets vorbehalten. Heute sieht die wirtschaftliche Lage ganz anders aus: Lagerroboter sind deutlich günstiger geworden und vor allem mittlerweile flexibel genug für dynamische Lagerumgebungen mit mehreren Kunden. Fortschritte in der KI, sinkende Hardwarekosten und modulare Automatisierungsarchitekturen verwandeln die Robotik von einer festen Infrastruktur in adaptive Betriebssysteme, die sich parallel zu den sich ändernden Geschäftsanforderungen weiterentwickeln können. Bei Arvato ist dieser Wandel bereits im täglichen Betrieb sichtbar. Robotik wird nicht mehr als eigenständige Technologieinvestition betrachtet, sondern als Teil umfassenderer Betriebsmodelle, die Automatisierung, KI, Softwareintegration, betriebliche Expertise und datengestützte Entscheidungsfindung miteinander verbinden. Philipp Rücker, Head of Logistics Engineering & Transport Management bei Arvato, sowie Victor Redondo, Director of Product Strategy and Planning bei Hai Robotics, und Mladen Milicevic, Co-Founder von Unchained Robotics, erläutern die Entwicklung der Lagerrobotik.
„Wir beobachten einen grundlegenden Wandel“
„Wir beobachten einen grundlegenden Wandel in der Art und Weise, wie Unternehmen Automatisierung bewerten“, sagt Philipp Rücker von Arvato. „Robotik wird nicht mehr als Lösung für einige wenige, hochstandardisierte Fertigungsumgebungen angesehen. Sie entwickelt sich zu einem praktischen und skalierbaren Werkzeug, das in einem viel breiteren Spektrum von Logistikprozessen Mehrwert schaffen kann.“ Dieser Wandel kommt zu einem entscheidenden Zeitpunkt. Während die Kundenerwartungen steigen und die betriebliche Komplexität zunimmt, sehen sich Logistikdienstleister mit einem wachsenden Arbeitskräftemangel konfrontiert. „Der Bedarf an Arbeitskräften war schon immer da. In der Intralogistik gibt es in jedem Segment viele manuelle Arbeitsschritte. Kunden erkennen die Notwendigkeit der Automatisierung, da in einigen Regionen Arbeitskräftemangel herrscht. Es wird einfach immer schwieriger, Menschen zu finden, die als Kommissionierer in einem Lager arbeiten wollen“, erklärt Victor Redondo von Hai Robotics.
„Die Hardwarekosten sinken erheblich“
Gleichzeitig wird Robotik immer zugänglicher. Modulare Lösungen ermöglichen es Unternehmen, mit kleineren Investitionen zu beginnen und bei steigenden Anforderungen zu expandieren. „Die Kunden wussten nicht, wie ihr Geschäft in zwei Jahren aussehen würde, daher war es schwierig, große Investitionen zu rechtfertigen“, erklärt Redondo. „Da unsere Technologie jedoch skalierbar und flexibel ist, fällt die Anfangsinvestition geringer aus. Deshalb sehen wir nun eine zunehmende Akzeptanz.“ Ein weiterer wichtiger Faktor seien die sinkenden Hardwarekosten. „Roboterarme, die vor zehn Jahren noch 50.000 bis 60.000 Euro kosteten, sind heute bereits für fünf- bis zehntausend Euro erhältlich“, sagt Mladen Milicevic von Unchained Robotics. „Die Hardwarekosten sinken erheblich, und das verändert die Wirtschaftlichkeit der Lagerautomatisierung grundlegend.“ Zusammen würden diese Entwicklungen dazu führen, dass sich die Robotik von einer Nischeninvestition zu einer gängigen Lösung für den Lagerbetrieb entwickele.
Mehr als nur Technologie
Die Einführung von Robotik schreitet immer schneller voran. Die Gewinner werden nach Einschätzung von Arvato jedoch nicht die Unternehmen sein, die einfach nur mehr Lagerroboter einsetzen. Es werden jene Unternehmen sein, die verstehen, wo Automatisierung im tatsächlichen Betriebsablauf messbaren Mehrwert schafft. Dies erfordert weit mehr als nur die Auswahl der richtigen Technologie zur Lagerautomatisierung. Es erfordert ein tiefgreifendes Verständnis der Prozesse und der kundenspezifischen Anforderungen. „Man muss sich wirklich intensiv mit den Daten auseinandersetzen, um Auftragsprofile, SKU-Strukturen und Konsolidierungslogik zu verstehen“, sagt Victor Redondo von Hai Robotics. „Die Systemkonzeption ist äußerst wichtig. Ohne eine detaillierte Betriebsanalyse können Implementierungen leicht scheitern.“
Mladen Milicevic sieht Anpassungsfähigkeit als einen weiteren entscheidenden Erfolgsfaktor. „Wenn man die Logistik automatisiert, darf man nicht nur an einen festen Anwendungsfall denken, denn Geschäftsmodelle entwickeln sich weiter“, sagt er. „Lager passen sich ständig an neue Kundenbedürfnisse und neue Abläufe an. Robotiksysteme müssen daher wesentlich anpassungsfähiger sein als in der Vergangenheit.“ Diese Beobachtungen decken sich weitgehend mit den eigenen Erfahrungen von Arvato bei der Implementierung von Automatisierungslösungen in unterschiedlichen Kundenumgebungen. „Die eigentliche Herausforderung besteht nicht darin, einen Roboter einzusetzen“, sagt Philipp Rücker. „Die Herausforderung besteht darin, Robotik in bestehende Prozesse, Softwareumgebungen und kundenspezifische Anforderungen zu integrieren und dabei die betriebliche Flexibilität zu bewahren.“
Wie KI die Lagerrobotik flexibler macht
Künstliche Intelligenz treibt diesen Wandel voran. Dank KI können sich Robotersysteme schneller an veränderte Produkte, Prozesse und Betriebsbedingungen anpassen. „Wir verbessern unsere Roboteralgorithmen schneller denn je“, sagt Victor Redondo. „Fortschritte bei den Entwicklungswerkzeugen und den technischen Prozessen haben unsere Verbesserungszyklen erheblich beschleunigt, sodass wir Optimierungen schneller einführen und schneller auf Kundenbedürfnisse reagieren können.“ Die Auswirkungen zeigen sich besonders deutlich in den Bereichen Computer Vision, robotergestützte Kommissionierung und Betriebsoptimierung. „Früher erforderten Computer-Vision-Systeme eine explizite Programmierung: Wenn du dies siehst, dann tu das“, erklärt Mladen Milicevic von Unchained Robotics. „Jede noch so kleine Änderung im Lager erforderte eine Neuprogrammierung, was kostspielig war. KI bringt mehr Flexibilität und Intelligenz in Robotersysteme. Dadurch werden die Kosten für Änderungen und Anpassungen in der Lagerautomatisierung drastisch gesenkt.“
Für Logistikdienstleister wie Arvato wird Flexibilität zu einer zentralen Anforderung. „KI trägt dazu bei, dass Robotiksysteme besser auf diese Gegebenheiten reagieren können. Sie ermöglicht es uns, neu darüber nachzudenken, wie Automatisierung dynamische Logistikumgebungen unterstützen kann, und gibt uns mehr Flexibilität, schneller denn je auf die Bedürfnisse unserer Kunden zu reagieren“, sagt Philipp Rücker.
Partnerschaften treiben Innovationen voran
Da Robotik, KI, Software und Betriebsabläufe immer stärker miteinander verflochten sind, hängt Innovation zunehmend von Zusammenarbeit ab. Bei Arvato spiegelt sich dieser Ansatz in Partnerschaften mit Unternehmen wie Hai Robotics und Unchained Robotics wider. Gemeinsam mit Hai Robotics hat Arvato automatisierte Lager- und „Goods-to-Person“-Lösungen in Europa und Asien implementiert. Gleichzeitig arbeiten Arvato und Unchained Robotics eng zusammen, um neue Robotikanwendungen in verschiedenen Logistikumgebungen zu identifizieren, zu testen und zu skalieren. Arvato hat zudem in das Unternehmen investiert. „Die Kapitalbeteiligung ist ein Teil der Zusammenarbeit, aber Arvato verschafft uns auch Zugang zu hochkomplexen, internationalen Logistikumgebungen, in denen wir unsere Lösungen direkt im realen Betrieb weiterentwickeln können“, sagt Milicevic. „Durch die enge Zusammenarbeit mit den operativen Teams steigern wir die Effizienz im gesamten Lager und bringen unsere Robotiklösungen schneller zur Marktreife.“
Für Philipp Rücker sind diese Partnerschaften unerlässlich, um technologische Innovationen in betrieblichen Mehrwert umzusetzen. „Wir bewegen uns weg von hochgradig maßgeschneiderten Automatisierungskonzepten hin zu standardisierteren und wiederverwendbaren Lösungen, die sich über mehrere Standorte und Branchen hinweg skalieren lassen“, sagt er. „Partnerschaften helfen uns, betriebliches Fachwissen und technologische Innovation zusammenzuführen, um echte geschäftliche Herausforderungen zu lösen.“ Das gleiche Prinzip gelte branchenübergreifend. Je ausgefeilter die Automatisierung werde, desto mehr hänge der Fortschritt davon ab, unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Fachkenntnisse zusammenzuführen.
Die Zukunft der Lagerrobotik
Die Vision, die alle drei Experten teilen, ist klar: Logistikabläufe werden zunehmend autonomer, intelligenter und anpassungsfähiger. „Wir sind von Mitarbeitern, die durch Lagerhallen laufen, zu Systemen übergegangen, die Behälter und Paletten automatisch transportieren“, sagt Victor Redondo. „In Zukunft werden Lagerhallen zumindest teilweise autonome Umgebungen sein.“ Mladen Milicevic geht davon aus, dass KI und modulare Robotik die Einführung weiter beschleunigen werden. „Die Hardware wird zur Massenware – der Mehrwert verlagert sich auf die darüberliegende Ebene. KI, die verschiedene modulare Robotiklösungen zu einem koordinierten System verbindet, unabhängig vom Roboterhersteller: Auf dieser Koordinierungsebene gewinnen Lager tatsächlich an Flexibilität.“
Für Arvato wird das nächste Jahrzehnt der Lagerautomatisierung jedoch nicht dadurch geprägt sein, dass Roboter einzelne manuelle Aufgaben ersetzen. „Die Kombination aus Robotik, KI und Betriebsdaten wird die Art und Weise, wie Lager gestaltet und verwaltet werden, im nächsten Jahrzehnt grundlegend verändern“, sagt Philipp Rücker. „Unser Ziel ist es, Technologien zu identifizieren, die skalierbare Technologiestandards etablieren, die schnell eingeführt und nahtlos in unsere Logistikprozesse integriert werden können, um messbaren betrieblichen Mehrwert zu schaffen.“ Erfolgreich werden nach seiner Einschätzung nicht unbedingt diejenigen Unternehmen sein, die über die meisten Roboter verfügen. Es werden diejenigen sein, die Technologie mit Prozessverständnis, Integrationskompetenz und starken Partnerschaften verbinden, um intelligentere, widerstandsfähigere und skalierbarere Logistikabläufe zu schaffen.