Am 24. März trafen sich wieder Mitglieder der Bertelsmann-Arbeitsgruppe „Pressefreiheit“ in der Konzern-Repräsentanz in Berlin, um sich über die sich wandelnden Herausforderungen für die Pressefreiheit und den unabhängigen Journalismus auszutauschen. Sonja Schwetje, Vorsitzende der Arbeitsgruppe, hob die Bedeutung des Dialogs zwischen RTL Group und Bertelsmann hervor: „Die unterschiedlichen Perspektiven in dieser Gruppe sind eine echte Stärke, da sie uns helfen, Herausforderungen differenzierter zu betrachten und voneinander zu lernen.“
RTL Hungary: Journalismus und Medienfreiheit in schwierigem Umfeld
Das Treffen begann mit einem Beitrag von Robert Kotroczó, Nachrichtenchef bei RTL Hungary, der Einblicke in die aktuelle Medienlandschaft in Ungarn gab. Er beschrieb, wie sich das nationale Mediensystem in den vergangenen Jahren erheblich verändert hat, wobei sich die öffentlichen Medien und die Kommunikation zunehmend an den Narrativen der Regierung ausrichten. Dies habe zu einem schwierigen Umfeld für den unabhängigen Journalismus geführt, in dem der Zugang zu politischen Vertretern oft eingeschränkt sei und kritische Berichterstattung an den Rand gedrängt werden könne. Gleichzeitig hob Kotroczó die Rolle von RTL Hungary als unabhängiger Akteur hervor: „RTL ist wie eine kleine Insel in Ungarn“, so der Journalist. Unabhängiger Journalismus bringe jedoch Herausforderungen mit sich, fuhr er fort. Da Journalisten oft nur eingeschränkten Zugang zu politischen Entscheidungsträgern hätten, müssten sie neue Wege der Berichterstattung finden: „Das größte Problem ist, wenn niemand aus der Regierung mit einem spricht. Wir mussten alles aufzeichnen und immer wieder Fragen stellen – auch wenn es keine Antworten gab“, erkläre Robert Kotroczó.
Die Diskussion in der Arbeitsgruppe belegte auch die Generationsunterschiede beim Medienkonsum und bei der politischen Wahrnehmung. Während ältere Zuschauerinnen und Zuschauer, die vor allem vom traditionellen Fernsehen geprägt sind, eher etablierten Narrativen folgen, würden jüngere Generationen zunehmend von digitalen Medien und alternativen Quellen beeinflusst, befanden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Sie waren sich einig, dass es für den unabhängigen Journalismus unerlässlich bleibe, weiterhin kritische Fragen zu stellen – selbst unter Druck: „Die wahre Pressefreiheit ist die Freiheit, Fragen zu stellen“, lautete die einhellige Meinung.
KI und Journalismus: Wer trägt Verantwortung?
Die Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf den Journalismus und die Geschäftsmodelle der Medien waren ein weiteres zentrales Thema, das von Cornelia Fuchs, stellvertretender Chefredakteurin des „Stern“, vorgestellt wurde. Sie skizzierte, wie sich die Suche und das Nutzerverhalten grundlegend verändern: „Wir erleben bereits das, was manche als ‚das Ende der Suche‘ bezeichnen“, sagte sie. Sie wies darauf hin, dass KI-generierte Übersichten zunehmend traditionelle Suchergebnisse ersetzen – mit erheblichen Folgen für die Verlage. „Weniger als ein Prozent der Nutzer klickt auf Links in KI-Übersichten, und Verlage melden Traffic-Einbußen von bis zu 90 Prozent“, erklärte Cornelia Fuchs.
KI-gesteuerte Dienste wie Google Search, Google Discover und KI-generierte Zusammenfassungen würden die Art und Weise, wie Zielgruppen auf Informationen zugreifen, verändern. Dies werfe grundlegende Fragen zur Sichtbarkeit des originären Journalismus, zur Quellenangabe und zur Nachhaltigkeit journalistischer Geschäftsmodelle auf. Gleichzeitig seien KI-Systeme in hohem Maße auf journalistische Inhalte als Grundlage angewiesen. „KI stützt sich auf vertrauenswürdigen Journalismus, wobei ein erheblicher Teil ihrer Quellen nach wie vor aus professionellen Medien stammt“, so die Journalistin. Die Art und Weise, wie Inhalte verarbeitet und präsentiert werden, gebe jedoch Anlass zur Kritik. So wiesen KI-generierte Zusammenfassungen oft keine klare Quellenangabe auf oder würden mehrere Quellen auf eine Weise kombinieren, die den Sinn verzerren oder Ungenauigkeiten verursachen könne.
Die anschließende Diskussion in der Arbeitsgruppe zu dem Thema warf die Frage auf, wer für Fakten und Wahrheit verantwortlich ist, wenn KI verschiedene Quellen zusammenführt. Dies sei besonders relevant für den investigativen Journalismus, wo Kontext und Genauigkeit von entscheidender Bedeutung seien. Die Teilnehmenden wiesen zudem darauf hin, dass KI-Systeme Schwierigkeiten haben könnten, Primärquellen korrekt zu identifizieren, was das Risiko von Falschdarstellungen erhöhe.
Zwischen Inhalteverantwortung und kreativer Freiheit
Pierrot Raschdorff von BMG erläuterte im Folgenden, wie sein Unternehmen in der Praxis bei inhaltlichen Entscheidungen vorgeht. In der Diskussion darüber wurde die Komplexität des Spagats zwischen künstlerischer Freiheit und inhaltlicher Verantwortung deutlich. Angesichts der Vielfalt an Künstlerinnen und Künstlern sowie Inhalten erfordere jeder Fall eine sorgfältige, individuelle Beurteilung, befanden die Mitglieder der Arbeitsgruppe. Während die kreative Freiheit der Künstler weit gefasst sei, würden interne Prozesse dabei helfen, verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen. Dieser Ansatz stütze sich auf vier Kernprinzipien: Künstlerische Freiheit steht an erster Stelle, der Kontext ist entscheidend, keine Verstärkung von entstandenem Schaden, und Verantwortung geht vor Neutralität.
BMG habe darum „Safe Sound“ eingeführt, ein intern entwickeltes, KI-gestütztes Tool zur Identifizierung potenziell sensibler Inhalte, führte Pierrot Raschdorff weiter aus. Das System sucht nach öffentlichen Kontroversen rund um die Songtexte der Künstlerinnen und Künstler. Texte und Inhalte werden anhand definierter Risikokategorien wie Rassismus, Sexismus und Antisemitismus analysiert. Die Ergebnisse werden in einem strukturierten Format mit potenziellen Risikoindikatoren dargestellt, um anschließend von den Teams überprüft, in den Kontext gesetzt und bewertet zu werden. Pierrot fasste zusammen: „Inhalteverantwortung lässt sich nicht immer mit eindeutigen Antworten beantworten. Es bedeutet, ein konsequentes Urteilsvermögen anzuwenden, die richtigen Fragen zu stellen und Verantwortung für die Entscheidungen zu übernehmen, die wir treffen.“
Abwägung zwischen Pressefreiheit und Persönlichkeitsrechten
Der Rechtsexperte Simon Bergmann von der Anwaltskanzlei Schertz Bergmann, die für die Vertretung hochkarätiger Fälle im Medienrecht bekannt ist, gab dann Einblicke in das Spannungsfeld zwischen Pressefreiheit und Persönlichkeitsrechten. Er hob die zunehmende Komplexität der Berichterstattung in sensiblen Fällen hervor, insbesondere im Zusammenhang mit investigativem Journalismus und Vorwürfen. Medienunternehmen müssen eine ausreichende Faktengrundlage und eine ausgewogene Berichterstattung gewährleisten, insbesondere wenn es um Verdachtsberichterstattung geht. Gleichzeitig wies er auf neue Herausforderungen hin, die sich aus KI-generierten Inhalten und Deepfakes ergeben und Fragen hinsichtlich Haftung, Verifizierung und dem Schutz von Personen aufwerfen. Trotz dieser Herausforderungen betonte Bergmann die Bedeutung der Pressefreiheit als grundlegende Säule demokratischer Gesellschaften.
Gemeinsames Bekenntnis zur Pressefreiheit
In allen Diskussionen waren sich die Teilnehmenden einig: Pressefreiheit ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine fortwährende Verantwortung. Ob angesichts politischen Drucks, technologischer Umbrüche oder rechtlicher Herausforderungen – die Aufrechterhaltung eines unabhängigen, ausgewogenen und verantwortungsvollen Journalismus bleibe unerlässlich. Sonja Schwetje fasste es so zusammen: „Es ist ein schmaler Grat, neutral zu berichten und gleichzeitig dem Druck standzuhalten. Entscheidend ist, dass wir uns nicht von politischen Agenden leiten lassen.“
Die Arbeitsgruppe „Pressefreiheit“ wird auch weiterhin als Plattform für Austausch und Zusammenarbeit innerhalb der RTL Group und Bertelsmann dienen. Die Mitglieder der Bertelsmann-Arbeitsgruppe „Pressefreiheit“ sind:
- Sonja Schwetje (Vorsitzende der Arbeitsgruppe sowie Geschäftsführerin & Programmchefin bei RTL Nord)
- Oliver Fahlbusch (RTL Group)
- Cornelia Fuchs (stellvertretende Chefredakteurin „Stern“, RTL Deutschland)
- Rebecca Haase (RTL Group)
- Katharina Kleff (RTL Group)
- Barbara Kutscher (Bertelsmann)
- Rebecca Prager (Penguin Random House)
- Sabine Niemeier (Penguin Random House)
- Pierrot Raschdorff (BMG)
- Meike Rodenstein (RTL Deutschland)
- Gregor-Peter Schmitz (Chefredakteur „Stern“, RTL Deutschland)
- Kirsten von Hutten (Bertelsmann)
- David Whigham (Chefredakteur NTV, RTL Deutschland)
- Gernot Wolf (Bertelsmann Marketing Services/Arvato)