Reinhard Mohn – Ein Jahrhundertunternehmer
Frühe Prägungen: Kindheit, Jugend, Soldatenzeit, Kriegsgefangenschaft
Geprägt war die im ostwestfälischen Gütersloh verwurzelte Familie Bertelsmann durch den Geist des Pastorenhaushalts, der seinerseits stark von der Minden-Ravensbergischen Erweckungsbewegung beeinflusst war. Der 1835 gegründete Verlag C. Bertelsmann fungierte als publizistische Heimat dieser pietistischen Laienbewegung, deren religiöse Grundsätze in einer tiefgreifenden Volksfrömmigkeit verankert waren. Ihr blieben auch die kommenden Verleger-Generationen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein verpflichtet.
Reinhard Mohn, ein Ur-Enkel des Unternehmensgründers Carl Bertelsmann, wurde am 29. Juni 1921 geboren, als fünftes von sechs Kindern und drittältester Sohn. Nach dem Abitur auf dem Gütersloher Evangelisch-Stiftischen-Gymnasium, einer Schule, an deren Gründung bereits Carl Bertelsmann beteiligt war, wurde er zum Reichsarbeitsdienst eingezogen; zum Oktober 1939 meldete er sich freiwillig zur Wehrmacht. Als Teilnehmer des „Westfeldzugs“ war er u.a. in Belgien, den Niederlanden und Frankreich im Einsatz.
Im Mai 1943 geriet Mohn in Nordafrika in amerikanische Kriegsgefangenschaft und verbrachte zwei Jahre im Kriegsgefangenenlager Concordia in Kansas, USA. Es wurde eine Zeit, die ihn dauerhaft prägen sollte und die erheblichen Einfluss auf seinen unternehmerischen Führungsstil hatte. Zeit seines Lebens orientierte sich Reinhard Mohn an amerikanischen Management-Praktiken.
Der Neuaufbau von Bertelsmann – ein Unternehmer in der Zeit des Wirtschaftswunders
Reinhard Mohn war ein Macher. Er war zeitlebens ein lernender Mensch, ein unternehmerischer Autodidakt, der oft nach dem Prinzip „Trial and Error“ handelte. Aber er war auch ein Vordenker ohne Selbstlimitierung. Der Gründung des Leserings schlossen sich in rasantem Tempo unternehmerische Entscheidungen an, die Bertelsmann schließlich zu einem der größten europäischen Medien- und Bildungsunternehmen werden ließen: dem Lesering folgte der Schallplattenring, dem Ausbau des Verlagsgeschäftes folgte in nur wenigen Jahren der Einstieg ins Zeitschriftengeschäft. Erste Investitionen ins Fernsehgeschäft in den 1960er Jahren bahnten den Weg für den Einstieg ins Privatfernsehen. Mit dem Bertelsmann Lexikon brach man alle Verkaufsrekorde.
Das rasante Wachstum erforderte eine moderne Unternehmenskonzeption. „Im Mittelpunkt des Betriebes steht der Mensch“, hieß es in der von Reinhards Mohn persönlich entwickelten ersten Grundsatzordnung des Unternehmens (1960). Für ihn selbst war der partnerschaftliche Umgang mit den Mitarbeitern nicht Ausdruck politischer Programmatik. Sie war Teil einer unternehmerischen Kultur, die von ihm selbst entwickelt und begleitet wurde.
In Reinhard Mohn verschwimmen die Grenzen zwischen wohlmeinendem Humanisten und kalkulierendem Geschäftsmann. Für ihn galt: Identifikation mit Bertelsmann und Leistung für Bertelsmann führen zu einem leistungsbezogenen, gerechten Einkommen bzw. zu einer Beteiligung am Unternehmenserfolg.
Reinhard Mohn steuerte aus dem Hintergrund. Er überließ Managern Freiräume, die seine Fähigkeiten (oft komplementär) ergänzten. Er glaubte nie an die One-Man-Show. Er war – anders als noch sein Vater – kein Patriarch. Durch Delegation entlastete er die Spitze, förderte Kreativität und schaffte den Übergang zum Großkonzern. So bahnte er einer neuen Form der Unternehmenskultur den Weg: Führung und Verantwortung sind entscheidend für den Erfolg einer Organisation, menschliche Haltung und fachliche Kompetenz legitimieren Führungsautorität.
Frühe Internationalisierung
Reinhard Mohn dachte und handelte international. Er war ein Mann von Welt mit tiefen Wurzeln in seiner Heimat, zu der er sich stets bekannte, in der er sich wohlfühlte und die ihm Raum zum Nachdenken gab. Schon früh bereiste er die Welt: in den USA, Japan, ja sogar in der damaligen UdSSR suchte er Anregungen für den Aufbau seines Unternehmens.
In Spanien, Frankreich und den Niederlanden war das internationale Lesering-Konzept sehr erfolgreich, es gab aber weit mehr Versuche, das erfolgreiche deutsche Club-Modell, das das Buch direkt zu den Menschen brachte, ins Ausland zu exportieren. Grenzen kannte er nicht: weder räumlich, noch intellektuell.
Der Lesering zog weitere Geschäfte nach sich – schon ab den 1960er Jahren investierte Bertelsmann international: in Verlage, in Druckereien, in Dienstleistungen.
Der Stifter
Reinhard Mohn war ein unabhängiger Geist, ein Pionier und Reformer, bisweilen ein Visionär und Missionar. Er ließ sich von Mainstream-Meinungen nicht beeinflussen, sondern bildete sich ein eigenes, fundiertes Urteil. Er ließ sich weder politisch noch intellektuell vereinnahmen. Seine politischen wie unternehmerischen Überzeugungen waren frei von Ideologie. Sie waren von persönlichen Erfahrungen geprägt, die ihn zu einem Verfechter demokratischer Werte machen sollten.
Seinen Ausdruck fand diese Haltung in der Gründung der Bertelsmann Stiftung (1977), die für Reinhard Mohn den Abschluss seines Lebenswerkes bedeutete. Hier fanden sein demokratisches Wertegerüst, aber auch seine hohe Struktur- und Analysefähigkeit ihre institutionelle Entsprechung - ohne parteipolitische Festlegung und zum Wohle der Gesellschaft: „Die Bertelsmann Stiftung ist ein Ort, an dem wir ohne parteipolitische Grenzen in die Zukunft schauen und Impulse für Veränderungen erarbeiten“ – das formulierte einst ihr Stifter, und das gilt noch heute.
Nach dem Tod von Reinhard Mohn hat die noch von ihm selbst errichtete Reinhard Mohn Stiftung ihre Arbeit für Ostwestfalen aufgenommen.