Künstliche Intelligenz (KI) verändert nicht nur Technologien und Arbeitsprozesse, sondern auch die Art, wie wir lernen, entscheiden und zusammenarbeiten. Damit gewinnen Fragen an Bedeutung, die weit über die technische Anwendung von KI hinausgehen: Wie bleiben Menschen in einer zunehmend digitalen Arbeitswelt mental gesund? Und welche Fähigkeiten helfen dabei, mit den Veränderungen umzugehen? Über eben diese Themen sprachen wir im Rahmen eines Treffens von Expert:innen für Gesundheitsmanagement aus verschiedenen Unternehmensbereichen in Deutschland mit der Penguin-Random-House-Autorin und Tech-Philosophin Céleste Spahić sowie mit Anna Carlotta Böhmer, Managerin Health & Well-being aus der Abteilung Corporate Responsibility bei Bertelsmann. In ihrem im März bei Ariston in der Penguin Random House Verlagsgruppe erschienen Buch „Unlock your [aɪ]dentity“, das sie mit ihrem Mann Marinko Spahić geschrieben hat, beschäftigt sich Céleste Spahić mit der Frage, wie Menschen ihre Identität, mentale Stärke und Handlungsfähigkeit in einer von KI geprägten Welt bewahren und weiterentwickeln können.
Céleste, dein Buch trägt den Titel „Unlock your [aɪ]dentity“. Was meinst du damit konkret?
Céleste Spahić: Der Titel hat eine Doppelbedeutung: „Unlock“ heißt gleichzeitig „Entschlüsseln“ und „Freisetzen“. So ist auch unser Buch aufgebaut. Im ersten Teil geht es darum zu entschlüsseln, wie digitale Technologien unser Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen. Im zweiten Teil zeigen wir, wie Menschen KI gezielt nutzen können, um ihre eigenen Kompetenzen zu stärken und zu entfalten. Die Lautschrift „[aɪ]“ steht dabei bewusst für zwei Bedeutungen: für „Artificial Intelligence“ und für das englische „I“, das Ich. Diese Verschmelzung von Ich und KI im Wort „Identity“ ist die zentrale These unseres Buches: Unsere Identität entsteht heute nicht mehr isoliert, sondern in stetiger Wechselwirkung mit Technologie. Social-Media-Algorithmen formen, was wir sehen und über uns selbst glauben. KI verändert, wie wir schreiben, entscheiden, fühlen. Das ist nicht neu, denn der Mensch wurde schon immer von seinen Werkzeugen geformt. Neu ist die Qualität: Zum ersten Mal sprechen Maschinen unsere Sprache, und Sprache ist der Quellcode unseres Bewusstseins. Das gibt diesen Systemen eine Macht, die wir noch gar nicht vollständig verstehen. Die entscheidende Frage ist: Passiert diese Formung unbewusst, oder gestalten wir sie aktiv?
Anna, worauf sollte ein Unternehmen, das KI einführt, in Bezug auf die Mitarbeitenden besonders achten?
Anna Carlotta Böhmer: Ein Unternehmen sollte in diesem Kontext besonders darauf achten, die Mitarbeitenden aktiv in den Veränderungsprozess einzubeziehen, ihnen Orientierung zu geben und sie gezielt zum Umgang mit KI zu befähigen. KI bietet enorme Chancen: Sie kann Arbeit erleichtern, neue Formen der Zusammenarbeit ermöglichen und Räume für Innovation schaffen. Gleichzeitig entwickeln sich neue Technologien rasant weiter, sodass Mitarbeitende sich kontinuierlich auf neue Prozesse, Tools und Arbeitsweisen einstellen müssen.
Was bedeutet das konkret?
Anna Carlotta Böhmer: Dass es sehr wichtig ist, nicht nur technische Schulungen anzubieten, sondern auch die mentale Gesundheit zu stärken und Zukunftskompetenzen wie Resilienz, Agilität, Lernbereitschaft und technologische Souveränität gezielt aufzubauen. Diese Fähigkeiten geben Mitarbeitenden Sicherheit und Selbstvertrauen, Veränderungen aktiv mitzugestalten und die Potenziale von KI positiv zu nutzen. Eine wichtige Rolle spielen dabei Austausch, Vernetzung und gemeinsames Lernen. Bei Bertelsmann bietet die Bertelsmann Collaboration Platform, kurz BCP, hierfür eine wertvolle Möglichkeit. Sie schafft Raum für bereichsübergreifende Zusammenarbeit, Wissenstransfer und Inspiration. Mitarbeitende können dort Projekte, Use Cases, Artikel und Events entdecken, Fragen an Expert:innen stellen, eigene Erfahrungen teilen und sich konzernweit vernetzen.
Welche Kompetenzen brauchen Mitarbeitende, um KI nicht nur effizient zu nutzen, sondern sie gezielt einzusetzen, um ihre eigene Denkfähigkeit und Kreativität weiterzuentwickeln?
Céleste Spahić: Der erste Schritt ist, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, wie stark digitale Technologien, die wir heute bei der Arbeit und privat tagtäglich nutzen, unser Denken und Handeln bereits beeinflussen. Denn keine Technologie zuvor hatte einen so direkten Zugriff auf unsere Wahrnehmung, unsere Entscheidungen und unser Selbstbild. Dieses Bewusstsein ist der Schlüssel dafür, aus dieser Einflussspirale herauszusteigen und ins aktive Gestalten zu kommen. In unserem Buch definieren wir darum sieben „Future Skills“, die dafür entscheidend sind.
Welche sind das?
Céleste Spahić: Das sind geistige Autonomie, kritisches Denken, emotionale Intelligenz, Kreativität, Lernfähigkeit, Resilienz und Regeneration. Es sind Kompetenzen, die durch unreflektierten KI-Einsatz verkümmern können, die sich aber, richtig eingesetzt, mithilfe von KI gezielt stärken lassen. Deshalb enthält jedes Kapitel nicht nur Hintergrundwissen dazu, warum diese Kompetenzen gerade jetzt so wichtig sind, sondern auch eine Prompt-Toolbox mit konkreten Prompts, die dabei helfen, genau diese Fähigkeiten im Alltag zu stärken. So wird KI vom reinen Effizienzwerkzeug zum persönlichen Sparringspartner für die eigene Entwicklung. Genau hier setzt auch unsere „[aɪ]fluencer“-Methodik an: Sie macht aus diesem Prinzip ein strukturiertes Programm für Unternehmen.
Die digitale Transformation verändert nicht nur unsere Arbeitsweisen, sondern auch die Anforderungen an Mitarbeitende. Was kann Mitarbeitenden helfen, in einer schnelllebigen digitalen Welt fokussiert und gesund zu bleiben?
Anna Carlotta Böhmer: In einer zunehmend digitaleren Arbeitswelt können Mitarbeitende viel dafür tun, ihre eigene Gesundheit zu stärken und fokussiert zu bleiben. Ein bewusster Umgang mit KI beginnt damit, Prioritäten klar zu setzen und regelmäßige Zeiten für konzentriertes Arbeiten einzuplanen. Pausen und Erholungszeiten sind ebenso wichtig, um die mentale und körperliche Energie zu erhalten. Mir hilft KI, meine Woche zu planen und Prioritäten klarer zu setzen. Dabei geht es nicht nur um Arbeitsthemen, sondern auch darum, Ausgleich, Erholung und kleine Energiequellen im Alltag mitzudenken. Auch der Austausch mit Kolleg:innen sowie ein offener Umgang mit Fragen und Unsicherheiten helfen dabei, Orientierung zu gewinnen und Belastungen zu reduzieren. Wenn Erfahrungen und Lösungsansätze geteilt werden, wird das Teamgefühl gestärkt und gegenseitige Unterstützung gefördert. So entsteht Vertrauen, das Mitarbeitenden die Sicherheit gibt, Neues auszuprobieren und kontinuierlich dazuzulernen. All das sind zentrale Voraussetzungen, um auch in einem dynamischen Umfeld langfristig mental gesund und leistungsfähig zu bleiben.