„Joy“, so heißt ein neues Projekt von Btb, einem Verlag der Penguin Random House Verlagsgruppe, für das der Verlag jetzt in einem „Open Call“ Autorinnen und Autoren von Kurzgeschichten sucht. Deren bislang unveröffentlichte Texte sollen im Frühjahr 2027 bei Btb in der Anthologie „Joy“ erscheinen. Herausgegeben wird sie vom Initiator des Projekts, dem Kollegen Pierrot Raschdorff, Senior Director, Global Corporate Responsibility, bei BMG. Er sucht zusammen mit dem Verlag insgesamt zwölf Texte, die sich „mit einer herausfordernden Gegenwart auseinandersetzen und zugleich eine Perspektive von Zuversicht, Verbindung oder Halt eröffnen“, so Btb in einer Mitteilung. Bereits zugesagt haben neben Pierrot Raschdorff selbst Betiel Berhe, Lamin Leroy Gibba, Kristof Magnusson, Mirrianne Mahn, Melanie Raabe, Chantal-Fleur Sandjon, Yasmin Shakarami und James Sullivan. Im Interview spricht Pierrot über das Projekt „Joy“.
Pierrot, wie ist die Idee zu „Joy“ entstanden?
Pierrot Raschdorff: „Joy“ ist aus einem sehr konkreten Moment entstanden, dem Gefühl, dass sich die gesellschaftliche Atmosphäre in Deutschland und weltweit spürbar verhärtet. Anfang 2025 habe ich gemerkt, dass ich Nachrichten nicht mehr nur „rational“ konsumiert habe – sie wurden persönlich. Ich habe beobachtet, wie Ausgrenzung, Feindseligkeit und entmenschlichende Sprache normaler werden, in Alltagsgesprächen, in sozialen Medien, aber auch in politischen Debatten und Entscheidungen. Als Vater kamen dann diese Fragen dazu, die viele kennen: Wie wird meine Tochter aufwachsen? Welche Werte werden sie umgeben? „Joy“ ist meine Antwort darauf: ein literarisches Gegenangebot, das Zuversicht als aktive Haltung versteht, als etwas, das man trotz Realität wählt und gestaltet.
Wie kann Literatur in Zeiten gesellschaftlicher Spaltung Verbundenheit und Zuversicht vermitteln?
Pierrot Raschdorff: Literatur kann Spaltung nicht „wegschreiben“, aber sie kann das Menschliche wieder sichtbar machen, und das ist für mich auch politisch. Wir glauben doch hoffentlich alle daran, dass Literatur Menschen bewegen, prägen und stärken kann. Hat nicht jede:r mindestens ein Buch, von dem er oder sie sagen würde, dass es geholfen oder ihn beziehungsweise sie geprägt hat? Literatur kann uns auf vielen Ebenen unterstützen, gerade in diesen schnelllebigen Zeiten. Sie hilft, zu reflektieren, innezuhalten und vielleicht auch einmal abzuschalten, um sich aus dem Karussell der schlechten Nachrichten zu lösen. Es geht dabei nicht nur um das Buch als solches, sondern auch um den Akt des Lesens selbst: sich Zeit zu nehmen, sich einzulassen, auf die Gedanken, Bilder und Worte der Autorin oder des Autors.
Wie ist die Autor:innen-Auswahl zustandegekommen?
Pierrot Raschdorff: Ich habe vor längerer Zeit ein Netzwerk Schwarzer-Deutscher- Autor:innen gegründet. Bei einem wunderschönen Wochenendausflug im Salzburgerland teilte ich bei einem Waldspaziergang mit einigen Autor:innen meine Idee von „Joy“, und sofort waren einige Autorinnen wie Melanie Raabe, Chantal-Fleur Sandjon oder Betiel Berhe begeistert und schlossen sich dem Projekt an, und „Joy“ war geboren. Mir ist wichtig, Stimmen einzuladen, die die Realität dieses Landes in ihrer Vielfalt erzählen – wir laden alle Menschen zu diesem Open Call ein! Denn mir war ebenso wichtig, dass „Joy“ genreübergreifend ist: unterschiedliche Tonlagen, Formen und Erzählwelten.
Für das Projekt vergibst du auch eine „Wild Card“. Warum ist dir wichtig, jemanden mit einzubinden, der oder die noch nicht veröffentlicht hat?
Pierrot Raschdorff: Weil literarische Öffentlichkeit immer noch stark davon abhängt, wer Zugang hat und wer nicht. Talent allein reicht oft nicht: Es braucht Zeit, Sicherheit, Kontakte, Wissen über den Betrieb. Viele großartige Stimmen scheitern nicht an Qualität, sondern an Hürden. Die Wild Card ist deshalb kein „netter Zusatz“, sondern ein zentraler Teil von „Joy“. Wir öffnen die Tür bewusst für neue Stimmen, auch jenseits von Reichweite, Szene-Zugehörigkeit oder den üblichen Milieus. Wir suchen Texte, die literarisch überzeugen und etwas Eigenes wagen. „Joy“ soll nicht nur über Hoffnung sprechen, sondern sie auch praktisch ermöglichen.
Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was transportiert für dich am stärksten ein Gefühl von Zuversicht?
Pierrot Raschdorff: Zuversicht entsteht für mich dort, wo Menschen sich gegenseitig ernst nehmen und gemeinsam etwas schaffen. Die Zusammenarbeit mit so vielen unterschiedlichen Autor:innen ist ein echtes Gegengewicht zur dauernden Krisenerzählung. Sie zeigt, dass Verbindung möglich ist, auch wenn die Welt laut und hart wirkt. Momente nutzen, um sich freizumachen von den schlechten Nachrichten und sich mit guten, tollen Menschen zu umgeben, ist hilfreich – und natürlich: öfter mal das Handy ausschalten.